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Vortrag zur Jahrestagung der Landesdenkmalpfleger,

gehalten am 8. 6. 2000 im Kurfürstlichen Schloß Mainz

Ein Lob für die Denkmalpflege von Ulrich Kerkhoff

Vom Alltag (zu) einer Vision

Kennen Sie das: Die Denkmalpflege wird gelobt! Ja, nur im Hinterkopf des Denkmalpflegers entsteht unausweichlich dieses mulmige Gefühl: Ist das Lob wirklich ein echtes Lob, ein berechtigtes Lob? Habe ich nicht irgend etwas übersehen, falsch beurteilt? Mit welchem Anspruch trat ich an, was davon habe ich hier tatsächlich verwirklichen können? War es wirklich ein Erfolg? Für die Denkmalpflege oder nur für das Denkmalgesetz?

Jeder hat erlebt, dass konsequent denkmalpflegerische Haltung aus heiterem Himmel - sogar im eigenen Haus - zum "Fundamentalismus" mutieren kann. Werde ich also für die Tugend der Hartnäckigkeit oder für Flexibilität gelobt? Flexibilität schließt Tugend aus. Wird der Krach als Beleg konsequenter Denkmalpflege gelobt oder das geräuschlose Arbeiten unter generöser Hintanstellung fachlicher Belange?

Wird tatsächlich die unbeirrbare Konsequenz der Denkmalpflege, die Stringenz ihrer fachlichen Argumentation gelobt? Wird nicht oft auch in lobende Worte verpackt die klammheimliche Freude über den Erfolg, dass sich die Denkmalpflege mal wieder durch rituelle Problematisierung der bewährten Nebenschauplätze (Biberschwanz-Deckung, mineralischer oder gar Kalkanstrich, Material und Breite der Fenstersprosse) austricksen oder gar verführen ließ? Oder dafür, dass sie nicht früher 'ausstieg' und sie einfach nicht merkte, wie sie verführt wurde?

Lob und Anerkennung sind immer schon Lebensmittel der ideellen Aufgabe. Aber jedes Lob hat auch etwas von honigsüßer Verführung. Man kann unter Lob förmlich hinschmelzen und Maßstäbe verlieren. Oder sich in metaphyischer Leichtigkeit gerade ein paar dann passende neue Maßstäbe zurechtschnitzen, denn unter Lob können auch Misserfolge zu Erfolgen mutieren. Lob ist Teil der Technik der Verführung, auch in der Denkmalpflege.

Das Selbstverständnis des Denkmalpflegers wird im Alltag täglich neu und weiter geformt, während die Ideale der Denkmalpflege fern vom Alltag bis zum Dogma entwickelt werden. Der Alltag lehrt in jedem Fach, sich auch mit kleinen Schritten zufrieden zu geben, damit man seinen Frieden mit der Umwelt, den alltäglichen Umständen machen kann.

Die andere Seite des Lobes ist der alltäglich enervierende Kampf um jedes einzelne Objekt, dem die Gesellschaft keinen Wert mehr beimisst, der Kampf um das Detail, das keiner funktional und materiell mehr versteht. Denn dieser Kampf ist es, der auf der einen Seite so empfänglich macht für Lob.

Wie viel und welches Lob braucht, wie viel Frust und Misserfolg verträgt die Denkmalpflege, nein präziser: wie viel verträgt und braucht der Denkmalpfleger persönlich, bevor er an seiner Aufgabe zweifelt oder verzweifelt?

Ab wann führt die Unvereinbarkeit von Realität und Ideal im Kopf des einzelnen Denkmalpflegers zur Persönlichkeitsspaltung? Oder zu einem Sarkasmus, der Freund und Feind nicht mehr sicher scheidet. Oder zu dieser verkappten, geradezu waidwunden Aggressivität, zu dieser ständig nörgelnden und kopfschüttelnden Besserwisserei, die unsere überinformierte, aber unwissende Gesellschaft eh' schon prägt, die Denkmalpflege aber in besonderem Maß?

Wann auch ist die persönliche, die menschliche Leidensfähigkeit des Denkmalpflegers schlicht erschöpft? Wann ist die Grenze zur fragwürdigen Persistenz überschritten? Wann verbeißt man sich nur noch, wird nonchalant oder schizophren? Und wie wirkt sich dieser (Erschöpfungs)zustand - bewusst oder unbewusst - auf sein Handeln, seine Entscheidungen aus?

Diese Fragen sind nicht neu, sie sind Teil der Geschichte der Denkmalpflege und prägender Teil des Alltags der Denkmalpflege. Aber wie kam es dazu? Und was könnte man daraus lernen - wenn man denn wollte? - Ich will versuchen, an dem schillernden Wort "Lob" einige Aspekte einer Bilanz der Denkmalpflege zu entwickeln, um Erkenntnis daraus zu ziehen, nicht zuletzt um Perspektiven anzudeuten - oder wenigstens Hoffnungen.

Rückblick

Per definitionem stellt sich die Denkmalpflege gegen die Zeit und den natürlichen Verfall, stellt sich gegen die schnöden Absichten des Zeitgeistes das zu verändern, was im öffentlichen Interesse als erhaltenswert deklariert wurde. Sie stellt sich damit auch gegen die urmenschliche Anlage, ja die Seinsvoraussetzung jeder Zivilisation, ständig zu erneuern und Altes, das weder ideell noch real einen Wert hat, zu ignorieren oder zu beseitigen und durch "Besseres" zu ersetzen. Wer sich dagegen stellt, zieht sich das Kopfschütteln eben jener Allgemeinheit zu, in deren (vermeintlichem) Auftrag er handelt. Aber führt Denkmalpflege in der Bewahrung aufgegebener, ungeliebter Dinge einen guten Gedanken nicht eigentlich zu einer Perversion?

Die Achtung des Alten, die Rücksichtnahme auf Bestehendes hat die Geschichte, besonders die Baugeschichte, seit Jahrtausenden geprägt. Selbstverständlich war ebenso die kontinuierliche Erneuerung. Die ideell wie real allgemein anerkannten und wertgeschätzten Dinge wurden vom Einzelnen wie von der Allgemeinheit selbstverständlich auch gepflegt und tradiert, sie wurden fortentwickelt und überdauerten die Zeiten mit den Spuren, die jede Generation hinzufügte. Alles andere verschwand!

Die Denkmalpflege ist ein Kind der Aufklärung, ihre staatliche Einrichtung aber geht mit der Industrialisierung einher. Museen und Denkmalpflege etablierten sich als hoffnungsbefrachtete Kompensation der Beschleunigung der Welt. Denn Mechanisierung und Rentabilisierung aller Lebensbereiche, die Beschleunigung jeder Bewegung stellte nicht nur die Natur und den Menschen, sondern auch menschliche Werke unter Bedingungen, die um deren Fortbestand fürchten ließen. Vorausschauende Menschen sahen das jedenfalls so kommen. Man empfand höheren Ortes diese Veränderungen dann auch tatsächlich als Mangel, brachte sich also in Zugzwang, eben diesem abzuhelfen. Denn erst die Einschätzung einer Veränderung als schädliche Veränderung begründet Handlungsbedarf eines Einzelnen wie einer Gesellschaft.

Daraus geborene Hilfskonstruktionen, die Ersatz für Verlorenes wie Verlorengehendes offerierten, begannen also gleichzeitig in der Industrialisierung alle Lebensbereiche zu durchdringen. Unmittelbare Pflicht und Verantwortung wurden durch Vertreter ersetzt. Schwindet persönliches, individuelles Interesse, schwinden Selbstverständlichkeiten auf schmerzhafte Weise, so treten Gesetze an ihre Stelle, auch das Gesetz als Surrogat. Das Surrogat ist wesentlicher Begleiter als auch vielfältigstes Produkt der Industrialisierung.

Das selbstverständliche Verantwortungsgefühl für die Dinge der Vergangenheit zum Nutzen der Zukunft schwand oder schien zu vergehen, sich zu modifizieren - eine Entwicklung, die man also als Mangel empfand und darstellte. Dem Mangel abzuhelfen nahm sich 'der Staat' vor im Interesse und in Vertretung einer Allgemeinheit, in Vertretung eben jener Allgemeinheit, die dieses nicht mehr als ihre selbstverständliche Aufgabe ansah und bis heute nur widerwillig anerkennt. Wer wird schon gerne an Selbstverständlichkeiten erinnert?

Überspitzt könnte man formulieren: Dem einzelnen Bürger wurde der angemessene Umgang mit dem Alten nicht (mehr) zugetraut, also wurde ihm gesagt, was er wie und in wessen Interesse zu erhalten habe. Der Staat in Form einer fachkundigen Behörde sollte nun denen gegenüber, denen es kein Anliegen mehr war, angemessen mit alten Dingen umzugehen, den 'richtigen'(?) Umgang damit vorgeben, dieses notfalls auch mit Ordnungsmaßnahmen durchsetzen. So jedenfalls sind die Gesetze geformt.

(Kultur?)Pessimismus, Skepsis und Zukunftsangst also waren - neben erzieherischen Hintergedanken und Nationalstolz - die Paten staatlicher Denkmalpflege. Und begleiten Skepsis und Zukunftsangst, wenigstens aber ein geradezu allgegenwärtiges Misstrauen die Denkmalpflege nicht bis heute, wenngleich unter modifizierten Gründen, wenngleich in veränderten Formen?

Die Denkmalpflege erschiene mir gut beraten, wenn sie sich über die Gründe des Misstrauens und über die tatsächliche Verankerung der Denkmalpflege in der Gesellschaft mehr Gedanken machen würde als über einen Vollzug, der immer nur zu spät kommt.

Die Skepsis des Nachdenklichen kann nicht das Lob des Schaffenden finden. Denken hindert die Tat - und umgekehrt. Im Alltag der Denkmalpflege prallen in jedem Einzelfall Welten aufeinander: Der Bewahrende misstraut, der Schaffende vertraut. Jedem Aufbauenden muss die Vergangenheit im Weg sein, soweit sie nicht als brauchbares Fundament dient oder als Steinbruch. Lob der Allgemeinheit kann also die Denkmalpflege von Anfang an nicht begleiten. Das in diesem Zusammenhang Wesentliche scheint mir darin zu liegen, dass mit der Denkmalpflege aus Misstrauen der Gegenwart wie der Zukunft gegenüber eine zwangsläufig misstrauische Institution geschaffen wurde, die dem Einzelnen seine angeborene Aufgabe - verantwortlicher Umgang mit den Relikten der Vergangenheit - im Ganzen nicht mehr zutraute und ihn daher dieser Aufgabe im Ganzen enthob, ihm diese Aufgabe auch wegnahm und gleichzeitig per Gesetz definierte, dass da jetzt jemand sei, der es besser wisse und könne und dürfe.

Das - in Teilen sicher verbesserungsfähige - Verständnis des Einzelnen wie der Allgemeinheit für die Relikte der Vergangenheit wurde damit im Ganzen gering geschätzt oder gar beiseite geschoben. Eine schlimme Folge: Das lokal oder regional vorhandene Wissen, das Selbstverständnis auch für die Zeugen und Relikte der eigenen Vergangenheit wurde im Vollzug der Denkmalschutzgesetze tatsächlich desavouiert. Guter Wille wurde nicht nur in der Denkmalpflege oft genug verprellt durch staatliches Handeln, das dann manchem nicht zu Unrecht als Besserwisserei erscheinen musste. Wohl eine unvermeidliche Begleiterscheinung jeder Gesetzgebung? Aber darf man sich dann eigentlich wundern, wenn der Rest dieses Bewusstseins nach langen Jahren der Vernachlässigung und Geringschätzung tatsächlich auch ganz ausstirbt?

Dann darf sich die Denkmalpflege nicht wundern, dass da irgendwann nix mehr ist, keine Verantwortung, kein Wollen und kein Können. Wenn das ein Ergebnis bisheriger Arbeit ist, verdient sie kein Lob.

An zwei konkreten Beispiele aus dem Alltag der Denkmalpflege sollten wir uns fragen, wie und wofür denn dieses Fach gegenwärtig tatsächlich kämpft und gelobt wird und wie dieses Lob - gemessen am ursprünglichen Ideal, am Auftrag dieser Institution - klingt.

1) Das erste Beispiel zielt auf das ‘kleine’ Kulturdenkmal. Die alltägliche Beratung der Eigentümer mit den zuständigen Unteren Denkmalschutzbehörden bezieht sich hauptsächlich auf kleine, weniger bedeutende Kulturdenkmale, daran auf Fragen des Baudetails, des Materials, des Bauunterhalts also. Die sichtbaren Produkte einer Renovierung - Putz und Farbe, Fenster und Dachdeckung - scheinen dabei zu einer Art Richtschnur für 'erfolgreiches denkmalpflegerisches Handeln' überhaupt geworden zu sein. So ist es nicht verwunderlich, dass Eigentümer oft die Erwartung hegen, dass 'das Innere die Denkmalpflege ja nicht interessiere', dass man etwa mit einem Zugeständnis bei der Dachdeckung - wir nehmen ja Biberschwanz! - ein Entgegenkommen im Inneren erwartet - dann dürfen wir aber die Wand herausnehmen! Während sich der Denkmalpfleger in diesen Erwartungen und Ansprüchen bis zum Abwinken verkämpft - denn das sieht man nachher von außen und wird folglich gelobt oder getadelt - werden die Treppe versetzt, die innere Disposition aufgelöst, das Dach wärmegedämmt, der Schmuckfußboden im Flur, die breiten Dielen in den Wohnräumen herausgerissen und gleich das ganze Erdgeschoss mit Hochglanzfliesen zugeklebt - gleichviel, ob mit oder ohne Mitwirkung oder auch nur Duldung der Denkmalpflege.

Die Denkmalpflege führt zu oft auf Nebenbühnen ein publikumswirksames Possenspiel auf: Sie schnappt mit der Zuverlässigkeit des Pawlow'schen Reflexes nach Reizworten - s.o. - und verkämpft sich darin mit der grandiosen Erfolgsrate von 5% - bis der Denkmalpfleger selbst in’s Grübeln gerät, ob das denn 'Denkmalpflege' sei und bis niemand mit ein wenig Überblick dieses Rollenspiel tatsächlich mehr ernst nehmen kann, weil es zur Rechthaberei degenerieren kann, bis auch der Rest öffentlichen Kredits für dieses Fach wankt.

Das ist weder erstrebens- noch lobenswert, denn es geht am Auftrag der Denkmalpflege vorbei. Auch wenn die fachlichen Erkenntnisse und Vorgaben aus der Fachbehörde kommen: Eine Denkmalfachbehörde darf nicht zu einer öffentlichen Beratungsstelle für Putz und Anstrich, Deckung und Fenster verkommen. Die Herstellung einer schönen Oberfläche ist ein falsches Ziel der Arbeit der Denkmalpflege. Das können Fassadenspezialisten im Stadtmarketing, in der Event- und der Tourismusbranche besser. Hier wird auf dem falschen Feld gekämpft. Lob - hier errungen - dient nur der Verführung, Verführung vom Ideal und Auftrag der Denkmalpflege.

2) Das zweite Beispiel zielt auf das "große" Denkmal: Das berühmte Kunstdenkmal oder die Konversion etwa großer industrieller oder militärischer Anlagen. Hier sitzt dem Denkmalpfleger meist ein Gremium gegenüber (Stadt, Träger, Investor, Fachverbände, weitere beteiligte Behörden usw.) und man spricht wiederholt 'im Vorfeld' - eigentlich ist man aber schon mittendrin - miteinander, bis einverständiges Nicken über die Größe des Problems erzielt ist. Ein gutes und von interessierter Seite meist zielbewusst gestaltetes Polster für die folgenden Gespräche, in denen die Denkmalpflege im geradezu familiär gewordenen Gespräch scheibchenweise mit 'einfach notwendigen Verlusten' im Zuge der Maßnahme vertraut gemacht wird.

Nolens - volens mutiert die Denkmalpflege hier von der externen Fachbehörde zum Mitspieler, gelegentlich gar zum Täter, meist ohne dass sie es merkt. So steht sie dann nach Abschluss der Maßnahme in der Reihe der Honoratioren, hält das Ergebnis für ein gutes Ergebnis, weil schließlich alle es für ein gutes Ergebnis halten und untermauert es sogar noch fix mit gängigen Floskeln einer absichtsvoll bürgernahen Behörde: flexibel, kurzfristig, lösungsorientiert, flugs unterstützt von einigen Idealsätzen des eigenen Faches: weitgehende Bewahrung der Substanz in der neuen Nutzung, Ablesbarkeit der bewusst modernen Zutaten, vor allem aber ihre Reversibilität. Warum bloß immer diese alte Chimäre denkmalpflegerischer Selbstberuhigung?

Auch unser erklärtes Ziel, die frühe Beteiligung, ist ein zweischneidiges Schwert: Rechtzeitig in's Boot geholt, scheint die Denkmalpflege tatsächlich zu großen Zugeständnissen bereit. Wenn das auch de facto ihrer Neutralisierung gleichkommt: das wird natürlich gelobt. In der nachträglichen Beteiligung steht aber fast alles in der Gefahr, gründlich deklassiert zu werden, was mit Beteiligung der Denkmalpflege möglicherweise genauso geworden wäre - mehr als bedenklich.

Gilt denn auch in der Denkmalpflege das olympische Credo: Dabei sein ist alles? Im Sport mag es angemessen sein - Denkmalpflege kann sich damit selbst ad absurdum führen. - Dabei sein und dran bleiben ist offenbar alles. - Wehe, man ist nicht gefragt worden - Umkehrschluss: Hauptsache, man ist gefragt worden?

Also ein verführerischer Leitsatz: Hauptsache, die Denkmalpflege ist dabei, vermeintlich aktiv, überwiegend aber nur noch reagierend, längst mit dem Rücken an der Wand in einem dauernden und deshalb verbissenen Abwehrkampf dessen, was man für schädlich halten kann. Kann dann noch ‘Denkmalpflege’ dabei herauskommen? Oder wird nicht das Ergebnis nur so genannt, weil die Institution beteiligt war - wie gut oder wie holperig denkmalpflegerische Belange auch immer eingebracht werden konnten. Hier segelt viel unter ganz falscher Flagge, was die interessierte Öffentlichkeit ebenso wie die Politik irritiert und zu Recht an der Stringenz der(?) Denkmalpflege zweifeln lässt. - Auch dieses verdient kein Lob.

Versuchen wir aus dem Alltag das aktuelle Profil der Denkmalpflege zu filtern. Als Wort ebenso wie als Behörde etabliert, im Vollzug wie im öffentlichen Bewusstsein jedoch marginalisiert begleitet sie im Rahmen der ihr personell und finanziell gegebenen Möglichkeiten das normale Baugeschehen. Sie wird um Hilfe und Stellungnahme gebeten, wenn man sonst niemanden mehr fragen kann oder man sich Hilfe verspricht. Gefragt, wo unvermeidbar als TÖB im gesetzlichen Vollzug, umgangen, wo immer es nur möglich ist. Missbraucht, wenn es darum geht, einen 'großen Bruder' zu haben, wenn sich der kleine nicht traut, dabei auch instrumentalisiert für Dinge, die außerhalb des originären denkmalpflegerischen Auftrages liegen, periphere Probleme in der Stadtbildpflege etwa oder zur Verhinderung dessen, was irgendwem aus ganz anderen als denkmalpflegerischen Gründen ungewollt ist. Für manche Getreue ist die Denkmalpflege der letzte verbliebene Freund.

Vielfältig fürwahr dieses Profil, so vielfältig, dass man nach den Gründen dieser schillernden Allzuständigkeit fragen muss. Ein Vorschlag: In jedem Moment steht neben der Aufgabe des Vollzugs der gesetzlichen Grundlage die Werbung für die Denkmalpflege. So pendelt sie ständig zwischen Locken und Drohen, zwischen Überzeugungsarbeit und Gesetzesvollzug mit Zwang. Denn die Denkmalpflege - ein weiterer Grund - möchte und muss sich immer auch beliebt machen, um im Boot bleiben zu dürfen. Also wird hier nachgegeben, um dort Erfolg zu haben - ein heikles Spiel.

Das alles wird vor Ort primär repräsentiert vom zuständigen Denkmalpfleger, der für einen Großteil der Öffentlichkeit 'die Denkmalpflege’ ist. Er hat aus seiner Biographie und Erfahrung sowie aus dem Alltagsgeschäft meist seine sehr persönlich geformte Handlungsweise und Ausstrahlung entwickelt, eine Mischung aus Misstrauen, aus Verdrängung sowie aus Hoffnung auf Verständnis und zu Lobendes. Immer möchte auch der Denkmalpfleger beliebt bleiben, denn mit guten Kontakten erreicht man mehr als im Vollzug. Und nicht zuletzt hat dieses Stehaufmännchen die metaphysische Leichtigkeit im Wechsel der Argumentationsstränge und -ziele zu bewerkstelligen - und zu verkraften. ‘Die Denkmalpflege’ - dieser Schein-Monolith - ist tatsächlich ein stark individuell geprägtes Patchwork.

Je nach Situation und persönlicher Struktur entwickelt sich also jeder Denkmalpfleger persönlich zwischen dem lustvollen oder mutlosen Erleiden des Alltags, dem rechthaberischen, meist aber zufälligen Verbeissen und - der Weisheit. Nur im letztgenannten Zustand kann er sich darüber klar werden, dass der Denkmalpfleger die Welt weder bessern noch retten kann. Die Denkmalpflege, der Denkmalpfleger kann wie viele andere Einrichtungen eher missionarischen Charakters die Entwicklung nur begleiten.

Die Institutionalisierung der Denkmalpflege im 19. Jahrhundert hatte die Orientierungshilfe zum Ziel, die bleibende Erinnerung an bleibende Werte, die von alleine eben nicht mehr bleiben wollten und können.

Die Gesellschaft hat aber zwischenzeitlich besonders durch die Beschleunigung aller Lebensbereiche und die elektronischen Hilfsmittel einen oberflächlich äußerst entwickelten Zustand der Industrialisierung erreicht. Damit hat sich eine Form der Gesellschaft entwickelt, die mit der Gesellschaft der Entstehungszeit der staatlichen Denkmalpflege nichts mehr zu tun hat. Theologie, Philosophie, Soziologie und (Sozial) Psychologie diagnostizieren massive gesellschaftliche Wandlungen, die Medizin, Pädagogik und artverwandte Fächer bereits zu erdulden oder zu behandeln haben. Auch der Denkmalpfleger kann diese Wandlungen beobachten. Der massive Strukturwandel in der Landwirtschaft ist dabei nur eine, wenngleich die wichtigste Spitze dieses Eisberges.

Die Denkmalpflege könnte erkennen, dass sich einerseits wesentliche Seinsvoraussetzungen verschärft haben: Alles ist immer gefährdet, sobald man "Gefährdung" definiert. Auf der anderen Seite haben sich die Wirkungsvoraussetzungen strukturell negativ verändert. Es geht hier nicht darum, dass der Maurer und der Maler nicht mehr wissen, wie man mit Kalk umgeht. Es geht m. E. vor allem darum, dass die Aushöhlung der Bauten, die Aushöhlung denkmalwerter Substanz in der gegenwärtigen Gesellschaft einhergeht mit der Aushöhlung der Begriffe.

Begriffe werden zunehmend spielerisch, ohne Bindung verwendet.

Nehmen Sie hohe Begriffe: Moral, Kultur oder Kunst. Kunst ist alles, jeder ein Künstler; als Kultur wird bald alles bezeichnet, aber nichts mehr gemeint. Moral? Was ist das denn? Sie verschwindet doch gerade so zwangsläufig aus der Gesellschaft wie das Pferd aus der Landwirtschaft (R. Gronemeyer).

Oder nehmen Sie den schlichten Begriff 'bleiben'. Ein Planer vor der Fassade: "Also, das bleibt hier alles so wie es ist. Wir reißen die Fassade ab und bauen sie genauso wieder auf - es bleibt also ganz genauso."

Das Spielerische, die Gewöhnung an die Folgenlosigkeit, beides ist den neuen Medien im doppelten Wortsinn 'oberflächlich' zu eigen. Es prägt den Umgang mit den Bildern, der Sprache, weiter gefasst mit der Kommunikation, prägt aber ebenso auch den Umgang mit natürlichen Ressourcen, zu denen der Mensch, die Natur wie auch vorhandene Bausubstanz zählen.

Das Spielerische ist ein prägendes Charakteristikum der Gesellschaft geworden. Das Spielerische ignoriert lustvoll Regeln, ignoriert Bestände und Zusammenhänge, das Spielerische hofiert den Zufall. Die Denkmalpfleger, besser wir alle sollten uns über diese Wesenszüge unserer Gesellschaft Gedanken machen, die zwischen Entrüstung und Rechthaberei, zwischen Sorg- und Lustlosigkeit pendelt wie zwischen 245 Fernsehkanälen. Mit dreister Leichtigkeit werden Dinge, Zustände, Erfahrungen und Verfahrensweisen (Recht) zur Disposition gestellt, weil deren Vernachlässigung scheinbar folgenlos ist, scheinbar nicht bestraft wird, weil die Umwelt oberflächlich suggeriert, dass immer und überreich Ersatz bereit steht. Dadurch hat sich ein immenser Erwartungsüberdruck in der Gesellschaft aufgebaut, der ohne Rücksicht, ohne Übergang sofort befriedigt werden will.

Diese Entwicklungen sind heute und morgen Wirkungsbedingungen des Faches Denkmalpflege. Kann die Denkmalpflege aus einem modifizierten, einem neu oder vielleicht erstmals zu fassenden Selbstverständnis sich selbst neue Aufgaben zuweisen in einem neuen 'öffentlichen Interesse' einer gründlich veränderten Gesellschaft? Wird nicht gerade das ‘öffentliche Interesse’ in einer entsolidarisierten Gesellschaft von diffusen privaten Interessen abgelöst? Was bleibt vom Staat - Obrigkeit oder Dienstleister? Wie wird er sein Selbstverständnis zwischen Tradition und Medienerwartungen formulieren?

Existentielle Fragen fürwahr, die an Grundfesten des Faches rühren. Antworten von allgemeiner Gültigkeit sind hier nicht zu geben. Aus dem Alltagsgeschäft möchte ich dennoch einige Erkenntnisse in Hoffnungen umformulieren, die weiter zu entwickeln wären. Dies geschieht zunächst mehr in Sorge um die Gesellschaft, ihr Erbe und ihre Zukunft als in Sorge um den Fortbestand des Faches Denkmalpflege. Denn die Schwierigkeiten, die dieser Aufgabe in Struktur und Praxis entgegenstehen, erscheinen mir wesentlicher in der Gesellschaft begründet zu sein als im (deshalb) alltäglich knirschenden Vollzug.

Ich schlage daher vor, innezuhalten und sich zunächst um ein mögliches Fundament der Denkmalpflege in der Gesellschaft Gedanken zu machen. Und erst wenn hier ein langfristig tragfähiger Grund berührt oder hergestellt ist, kann man darauf ein standfestes Gebäude namens Denkmalpflege errichten, die dann anders aussehen könnte (müsste?) als derzeit. Ich halte es für ein nachwirkendes Versäumnis der denkmaleuphorischen Zeit der mittleren 1970er Jahre, dass man den gesellschaftlichen Baugrund der staatlichen Denkmalpflege nicht ausreichend untersuchte und damals Laufkundschaft für erfolgreich missionierte Gläubige hielt.

Die Denkmalgesetze dieser Zeit spiegeln das ebenso wie die seither geführte Theoriedebatte. Letztere eint die Annahme, dass dieses alles nach wie vor im Interesse der Öffentlichkeit geschieht, ohne dieses jedoch zu erkunden oder zu fördern. Denn die kleinste Einheit dieses Interesses, das Individualinteresse, wendet sich massiv und enttäuscht vom Anliegen der Denkmalpflege ab. Besonders verblüffend ist dies, wenn eine im allgemeinen geäußerte Zustimmung zur Denkmalpflege sich schlagartig in heftige Ablehnung wandelt, sobald nämlich das eigene Haus betroffen ist. Enttäuscht wendet man sich auch dann ab, wenn (meist finanzielle) Erwartungen nicht erfüllt werden, wenn deutlich wird, dass jeder unter Denkmalpflege etwas anderes verstehen darf und wenn der Anspruch der Denkmalpflege ausufert.

Aus vielen Gründen, besonders dem der Verlässlichkeit, erscheint die Schaffung einer verbindlichen Theorie, wie es zuletzt, nicht aber als einziger Jörg Schulze 1999 in Bonn verlangte, einerseits als nötig. Sie müsste bereits im Ansatz auf Vermittelbarkeit an die Gesellschaft überprüft werden und sie müsste dann auch vermittelt werden. Ich rede dabei nicht einer medien- oder öffentlichkeitsorientierten Denkmalpflege das Wort. Ich erwarte aber, dass Vorstellungen und Erwartungen dieser sich grundlegend wandelnden Gesellschaft auch und besonders innerhalb der Denkmalpflege gehört und ernsthaft diskutiert werden.

Aber ist denn andererseits eine Theorie überhaupt möglich? Eint die Denkmalpflege nicht auch ohne Theorie bislang schon das Bemühen um die Substanz? Darin aber setzt jeder seinen Schwerpunkt anders. Darin gibt es daher so viele Facetten wie Personen und Kulturdenkmäler - trotzdem: es eint.

Dieses Innehalten auf Grund äußerer Ermahnung wird sich als schwierig erweisen: Die Denkmalpflege verfügt aus ihrer Alltagsarbeit heraus über eine dicke Haut. Dicke Haut schützt Empfindlichkeit vor Verletzung. Die reflexhafte Ablehnung jeder Kritik an diesem Fach, auch die misstrauische Grundhaltung in diesem Fach mag eine offene Diskussion erschweren. Das ändert jedoch nichts an ihrer Notwendigkeit, die seit 1975 immer wieder von berufenen Denkmalpflegern dargestellt worden ist - man lese die alten DKD's ("Deutsche Kunst und Denkmalpflege"), alle guten Gedanken dazu sind geäußert. Warum hat sich nichts bewegt? Warum haben wir nichts bewegt?

Stören wir uns nun bitte nicht an der Form, in der uns Kritik gelegentlich entgegentritt. Kritik - auch Kritik an der Denkmalpflege - ist eine Form sorgender Zuwendung. Ich bitte um Respekt vor der Kritik. Ich bitte um den Respekt, den wir im Arbeitsalltag auch uns gegenüber erwarten. Setzen wir uns mit den Inhalten auseinander.

Ein Fachgebiet, dessen Theorie, Gesetze und Verfahrensmuster so intensiv auf Verständnis und Mithilfe, auch auf die Kritik der Öffentlichkeit wie der Betroffenen angewiesen ist wie die Denkmalpflege, darf sein Selbstverständnis, seine Ziele nicht ohne oder gar vollends gegen eben diese Öffentlichkeit zu entwickeln und durchzusetzen versuchen.

Vielmehr sollte sie in großer, geradezu therapeutischer Geduld und Aufmerksamkeit Prägungen und Erwartungen der Umwelt wie die des eigenen Faches erfassen und wägen. Daraus wären Arbeitsfelder zu definieren, die tatsächlich denkmalpflegerisches Bewusstsein, besser: Verständnis für das Alte in der Öffentlichkeit, besser: in jedem Einzelnen wecken und verankern. Das verdiente Lob.

Die Überprüfung sollte davon ausgehen, dass die Denkmalpflege nicht über das Wissensmonopol für alte Bauten verfügt, geschweige denn diesen Anspruch erheben darf - allein schon um örtlich vorhandenes Wissen/guten Willen nicht zu verprellen. Das örtlich vorhandene Wissen sollte in seiner Verschiedenheit vielmehr anerkannt, geschult und an förderlicher Stelle eingesetzt werden. Je mehr dieses Wissen haben umso besser. An dieser Schulung könnte die Denkmalpflege mit ihrem vorhandenen Fachwissen wesentlich, aber eben nicht besserwisserisch beteiligt sein. Das verdiente Lob.

Diese Überprüfung muss außerdem davon ausgehen, dass die flächendeckende Betreuung aller denkmalpflegerisch relevanten Maßnahmen an allen Kulturdenkmälern durch zentrale Fachbehörden nicht möglich ist. Die Denkmalpflege selbst hat die Latte für solche Maßnahmen hoch gelegt. Sie kann sich jetzt nicht beschweren, dass sie nicht darüber kommt. Es nähme ihr einen wichtigen Teil ihrer Glaubwürdigkeit, würde sie behaupten, sie könnte es.

Wohl verstanden, könnte es Ziel der Denkmalpflege werden, die ihr durch die Gesetzgebung zugewachsene fachliche Kompetenz zu verteilen, weiter- und gleichsam zurückzugeben und durch Dezentralisierung von Wissen und Entscheidungskompetenz die örtlich vorhandenen Fähigkeiten zu fördern und zu stärken. Das verdiente wohl Lob,

Ein weiteres Beispiel einer sinnvollen Mitwirkung der Denkmalpflege in der Fortbildung der Öffentlichkeit: Der umfangreiche Verlust natürlicher Erfahrungshorizonte der industriellen Gesellschaft, der Ersatz durch künstliche Erfahrungshorizonte hat die Empfindungsbereitschaft und Verständnisfähigkeit dieser Gesellschaft für Qualitäten und Besonderheiten traditioneller Materialien ganz wesentlich eingeschränkt. Hier könnte auch die Denkmalpflege aus reichem Erfahrungsschatz mitteilen, lehren und erläutern, beraten. Sie könnte viele Hinweise zu Bautechnik und Materialkunde geben, zur Alterungsfähigkeit, zum ressourcenschonenden Umgang mit Rohstoffen. Das verdiente Lob.

Ebenso fehlt Geduld. Die Gegenwart, der Zeitgeist liebt immer den möglichst schnellen Wandel, der alten Gebäuden nicht bekommt. Sie brauchen Geduld und taktvolle Aufmerksamkeit. Auch hier könnte die Denkmalpflege aus reichem Erfahrungsschatz die Kreativität der Langsamkeit, die Vorteile der Geduld im Bauen erläutern. Auch das verdiente Lob.

Ebenso wie Materialschulung wird die Gestaltschulung gegenwärtig offenkundig und ohne schlechtes Gewissen vernachlässigt. Die ungenügende Ausbildung in der Proportionslehre, der Schrift, d.h. Erziehung zur Buchstaben- und Textgestaltung, stehen als nur einige, aber nicht als die unwichtigsten Beispiele.

Denn in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen wird sträflich, aber noch unmerklich in der musischen Ausbildung geschlampt. Den gleichen Eltern, die mit Vehemenz und Ausdauer für das Bio-Pausen-Müsli und die Asbest-Sanierung der Schule kämpfen, ist die ästhetische Bildung ihrer Kinder - kurz gesagt - wurscht. Das Vorenthalten gestalterischer Bildung aber grenzt m.E. an den Tatbestand der Verstümmelung, die zwangsläufigen Ergebnisse an den des tätlichen Angriffes. Diese Art Ausbildung bereitet unmerklich geistige Armut vor. Geistige Beweglichkeit wird sich in einer so vernachlässigten Ausbildung bald auf den binären Code beschränken.

Zu den sichtbaren Ergebnissen mangelnder Gestaltbildung zählen Schulkinder, die ästhetische Analphabeten sind, dazu zählen längst ein Großteil auch unserer Partner und Denkmaleigentümer, zählen aber auch das durchschnittliche Neubaugebiet ebenso wie das industrielle Produkt, das in immer schnellerer Folge ‘gestalterisch überarbeitet’ wird, weil es nicht Stand hält. - Dass es auch anders gehen kann, beweist Skandinavien: Dort wird die Beförderung ästhetischer Bildung als politisches Ziel definiert, weil man die gesellschaftliche Bedeutung guter Gestaltung erkannt hat.

- Denn einer Gesellschaft, die Bilder nur verschlingt, aber nicht Bilder aufnimmt, könnte Sehen, Bilden und Formen gelehrt werden.

- Einer Gesellschaft, die sichtbare Spuren handwerklicher Arbeit für einen Reklamationsgrund halten darf, könnte Wert und Wesen handwerklicher Arbeit vermittelt werden.

- Einer Gesellschaft, die den Wert einer künstlerischen oder handwerklichen Leistung erst im reproduzierbaren, also rentabilisierbaren Massenprodukt zu erkennen gewohnt ist, könnte der Wert originaler künstlerischer, gestalterischer und handwerklicher Arbeit nahegebracht werden.

- Einer Gesellschaft, die Altes ebenso wenig aushält wie Alte, wäre auf vielen Wegen dessen und deren Wert zu vermitteln.

Überall hier kann neben andern Fächern auch die Denkmalpflege aus ihrem Erfahrungsschatz mithelfen zu lehren und zu erläutern. Das verdiente Lob.

Und es verdiente wohl Lob, wenn die Denkmalpflege in Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, mit interessierten Begleitern der Denkmalpflege aus eigener Einsicht Vorschläge zur Verbesserung ihrer Situation machte und damit Diskussionsbereitschaft und -fähigkeit beweisen könnte. Diese Tagung konnte Bedarf und Notwendigkeit zeigen, Argumente verschiedenster Qualität sind vorgetragen.

Ich möchte daher zum Schluss einige meiner Anregungen zusammenfassen zur Beförderung der Diskussion.

Das Motto entnehme ich Goethes "Wilhelm Meister"; in den "Lehrjahren" lässt er den Laertes zusammenfassen: "Soviel ich,..., überall wo ich herumgekommen bin, habe bemerken können, weiß man nur zu verbieten, zu hindern und abzulehnen; selten aber zu gebieten, zu befördern und zu belohnen. Man läßt alles in der Welt gehn, bis es schädlich wird; dann zürnt man und schlägt drein."

Der Referent muss leider damit rechnen, dass diese kritischen, Anmerkungen reflexartig und rhetorisch brillant vom Tisch gewischt werden. Trotzdem:

1.) Die Denkmalpflege hat die Aufgabe, auf allen sinnvollen Wegen zu lehren und zu fördern, damit sie nicht soviel fordern muss, damit sie nicht so chronisch unzufrieden sein muss über mangelnde Akzeptanz, über die vermeintliche Dummheit der Welt, damit Denkmalpflege wieder(!) ein selbstverständliches Bedürfnis der Öffentlichkeit, in deren Interesse und Auftrag wir dann bereits leichter handeln könnten.

2.) Denn Denkmalpflege arbeitet am besten, wenn sie eines Tages überflüssig ist. Überflüssig - nicht abgeschafft! Dies sollte weder als Utopie noch als Ironie belächelt oder gar als Nestbeschmutzung missverstanden werden.

3.) Dazu bedarf es der verstärkten Verlagerung der fachlichen Kompetenz in den kommunalen und privaten Bereich im Sinne der angesprochenen Rück- und Weitergabe fachlichen Wissens.

4.) Ein Positionswechsel wäre dazu innerhalb der Landesdenkmalpflege zu vollziehen: Bereitschaft zum Abschied von der Generalzuständigkeit für das Alte. Denn die Tragfähigkeit der Arche "Denkmalpflege" ist begrenzt. Wer das ignoriert, geht mit ihr unter. Denkmalpflege ist nicht - wie das Museum für die Kunst - die Entsorgungseinrichtung für unnütze, für ungeliebte Häuser. Die Gesellschaft als Ganze ist auch für ihr bauliches Erbe verantwortlich und sollte an diese Aufgabe erinnert werden. Die Denkmalpflege kann dabei helfen, mit diesem Erbe umzugehen, verantwortlich ist aber die Gesellschaft.

5.) Aber diese Gesellschaft muss auch entscheidend mitwirken. Sie muss signalisieren, dass sie nicht jede der hier zusammengefassten Anmerkungen zum Vorwand und Ausgangspunkt von Aktivitäten nimmt, die unbequeme Institution eilig und ersatzlos zu demontieren.

Da solche Aufgaben nur in planerischer, d. h. positiver Grundstimmung zu lösen sind, sind in und zwischen uns Voraussetzungen zu schaffen:

> Der Denkmalpfleger benötigt ein gewisses Maß an Zutrauen in die Gesellschaft und die Zukunft. Er/sie müsste ein Jahrzehnte altes reflexartiges Misstrauen der Gegenwart gegenüber in ein fast unbegründbares, ein kreatives Zutrauen der Zukunft gegenüber wandeln.

> Die Denkmalpflege braucht eine angstfreie interne Diskussion über Gegenwart und Zukunft der Denkmalpflege - auch und gerade unter Einbeziehung kritischster Stimmen. Wir sollten uns dieser Diskussion stellen ohne Angst vor Gesichtsverlust oder Neuem, ohne Angst vor dem Loslassen von Rechtspositionen, von Bestand und Gewohntem. Aber das Loslassen ist vielleicht das Schwerste - in der Denkmalpflege wie im Leben.

 

 

 

Ulrich Kerkhoff, Juni 2000

Zusammenfassung

"Ein Lob für die Denkmalpflege – Vom Alltag (zu) einer Vision"

Der Vortrag führt die Diskussion fort, die unter vielen Kollegen im Gang ist, will sie auch öffentlicher machen. Dies geschieht zunächst mehr in Sorge um die Gesellschaft, ihr Erbe und ihre Zukunft als in Sorge um den Fortbestand der Institution Denkmalpflege

Kursorisch wird aus Alltagsbeobachtungen die Bedeutung des Wortes "Lob" für die Denkmalpflege untersucht, um daraus einige Hoffnungen zu entwickeln, wie Denkmalpflege in Zukunft aussehen könnte.

Die Alltagsarbeit wird ebenso beschrieben wie die sich darin formende Persönlichkeit des Denkmalpflegers wie auch der sich darin formende Ruf der Denkmalpflege. Erkenntnisse aus problematischen Einzelfällen verdichten sich nach Auffassung des Autors zu strukturellen Problemen der Denkmalpflege, die als Institution ein Ideal zu verwirklichen hat, dabei aber mit dem Gesetzesvollzug auf ein untaugliches Instrument angewiesen ist. Diese strukturelle Verstrickung wird noch überlagert durch die Selbstüberforderung des Faches.

Darüber hinaus verfügt die Denkmalpflege aus der Alltagsarbeit heraus über eine dicke Haut. Die reflexhafte Ablehnung des Neuen und jeder Kritik, auch die misstrauische Grundhaltung in diesem Fach darf eine offene Diskussion nicht verhindern.

Thesen

Weder Ironie noch Utopie oder gar Nestbeschmutzung: Denkmalpflege arbeitet am besten, wenn sie eines Tages überflüssig ist. Da ein solches Ziel nur in planerischer, d. h. positiver Grundstimmung zu erreichen ist, sind im Fach Voraussetzungen zu schaffen:

Die Denkmalpflege sollte geduldig und aufmerksam Prägungen und Erwartungen der Umwelt wie die des eigenen Faches erfassen und wägen, um ertragreichere Arbeitsfelder zu definieren.

Ein Positionswechsel ist nötig: Bereitschaft zum Abschied von der Generalzuständigkeit für das Alte. Die Denkmalpflege kann helfen, damit umzugehen, begleitend, nicht zwingend.

Der Denkmalpfleger benötigt endlich ein gewisses Maß an Zutrauen in die Gesellschaft und die Zukunft. Er/sie müsste das gewachsene reflexartige Misstrauen der Gegenwart gegenüber in ein fast unbegründbares, ein kreatives Zutrauen der Zukunft gegenüber wandeln.

Die Denkmalpflege braucht eine angstfreie interne Diskussion über die Zukunft des Faches - auch und gerade unter Einbeziehung kritischster Stimmen.

Autor

Ulrich Kerkhoff (Jg. 50), Kunsthistoriker (Promotion Bonn 1982 über Theodor Fischer), Mitarbeit am DEHIO Baden-Württemberg in Tübingen, drei Jahre am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, seit 1986 beim Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz in Mainz, zunächst Inventarisation (zwei Denkmaltopographien), seit 1989 als Gebietsreferent tätig, derzeit zuständig für die Kreise Ahrweiler und Südliche Weinstrasse sowie die Städte Landau und Speyer.

 

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