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Christoph Schwarzkopf

Episoden aus 100 Jahren Heimatschutz und Denkmalpflege in Thüringen

Vom Anfang amtlicher Denkmalpflege des Landes von 1923-1932

Das Landesamt für Denkmalpflege und Heimatschutz von 1933-1945 – Teil nationalsozialistischer Kulturpolitik

Vom Umgang mit dem Landesmuseum in Weimar nach 1945

Der Erfurter Hauptbahnhof und die "Berufsrevolutionäre"

Das Ende eines Jahrhunderts bietet immer Anlaß zu einer Rückschau. Rückschau auf die Tätigkeit der Denkmalpflege in Thüringen gibt meist zur Zufriedenheit Anlaß. Hiervon war bereits vielfach zu lesen und zu hören. Inzwischen mischen sich auch kritische Töne in die Betrachtung der Vergangenheit. Anregungen zu einer systematischen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Thüringer Denkmalpflege sollen die folgenden Episoden aus dem 20. Jahrhundert geben:

Villa Ithaka in Weimar

Allbekannt ist, daß die kürzlich in ihrer Wirkung durch den Bau einer Wohnanlage in üblicher Investorenarchitektur im zugehörigen Park entstellte "Villa Ithaka" in Weimar 1906/7 nach Plänen des Architekten Schultze-Naumburg errichtet wurde. Seine Konkurrenz zu anderen Architekten, die in unseren Augen jeweils den Fortschritt verkörperten - ich nenne van de Velde und Gropius - hat er vergleicht man den Umgang mit deren Werken in Weimar - endgültig? - verloren. Dabei stellten zeitgenössische Kritiker die Weimarer Arbeiten van de Veldes und Schultze-Naumburgs für die Erneuerung der deutschen Architektur noch in eine Reihe.

Der monarchistische Dichter Wildenbruch - ein unehelicher Sproß des preußischen Königshauses - hatte Weimar als Weihestätte deutscher Dichtung bereits seit längerer Zeit in sein Herz geschlossen und fühlte sich als einer der Bewahrer der Tradition.

Im Sommer 1903 lernte Wildenbruch auf Vermittlung Adelheid von Schorns Paul Schultze-Naumburg kennen. Zu ihm faßte Wildenbruch offenbar sofort Vertrauen, denn bereits am 8.11.1903 schrieb Schultze-Naumburg, daß zwei Assistenten das für den Bau Wildenbruchs vorgesehene Grundstück einschließlich der "Mauern des alten Hauses genau aufgenommen" haben.

Exkurs: Die Mauer an Goethes Hausgarten

Im gleichen Schreiben bat er um Unterstützung Wildenbruchs für die Erhaltung der Mauer an Goethes Hausgarten. Kurze Zeit später schrieb auch Adelheid v. Schorn in dieser Angelegenheit an Wildenbruch und sandte ihm die Annonce der für den 19.11.1903 in der Weimarer "Erholung" vorgesehenen Versammlung zur "Erhaltung des Goetheschen Haus- und Gartenkomplexes in seiner historischen Gestalt." Die Annonce unterzeichneten vor allem Weimarische Autoritäten. Zu ihnen gehörte der Staatsrat Dr. v. Conta, der sich zu dieser Zeit anschickte, Schloß Kromsdorf zu erwerben und die 320 Jahre alte Mauer zwischen Schloßhof und Garten abzubrechen. Ein weiterer Unterzeichner war der Architekt Eelbo, der von 1881-1884 in Weimar als großherzoglicher Berater für Kunstgewerbe gewirkt hatte und somit als Vorgänger van de Veldes bezeichnet werden kann. Eelbo war als Architekt Vertreter des Historismus in Weimar. Gemeinsam mit Schultze-Naumburg sollte er zu der Veranstaltung einen Vortrag halten. Verfechter der Erhaltung der Mauer waren zudem der Weimarische Kunstschuldirektor Hans Olde, der Möbelfabrikbesitzer Scheidemantel (der in der Folgezeit eng mit van de Velde zusammenarbeitete), der Bildhauer Adolf Donndorf und Gerhart Hauptmann.

Ursache war die Anfrage einiger Weimarer an den Großherzog, prüfen zu lassen, "ob die theilweise Niederlegung der Mauer um den Goethegarten [an der Ackerwand] aus Rücksicht auf dessen dauernde Erhaltung, und auf den Wunsch der Bevölkerung, sich an dem täglichen Anblick dieses Gartens zu erfreuen thunlich sei?..." In seinen Erinnerungen schreibt van de Velde, daß er die "häßliche, allzu hohe Mauer" hätte niederreißen wollen. Der Großherzog lehnte das Vorhaben am 26.11.1903 ab. Van de Veldes Ansehen, den wir hier erstmals als Gegenspieler Schultze-Naumburgs sehen, wird nur leicht beschädigt, in der Folgezeit entstehen seine Weimarer Kunstschulbauten als Staatsaufträge.

Mittelbar bleibt van de Velde ein Gegenspieler Schultze-Naumburgs. Am 30.3.1904 schrieb Wildenbruch an diesen, daß er derzeit nicht bauen wolle. Er würde erst dann wieder Interesse finden, wenn ihm "die finanzielle Möglichkeit geboten wird... und sodann, daß die Theaterpläne des Hr.v.d.Velde nicht zustande kommen, durch die Weimar mir verleidet werden würde."

Schultze-Naumburg antwortete auf diesen Brief mit einem undatierten Schreiben. Darin berichtet er von seiner Wahl zum Vorsitzenden des Bundes Heimatschutz bei dessen Gründung in Dresden. Er fügte einen Zeitungsausschnitt bei, der vom Verzicht der Frau Dumont auf ihren Theaterneubau nach dem van de Veldeschen Entwurf in Weimar berichtete. Es bleibt unklar, ob sich Schultze-Naumburgs Kommentar "Ganz abgesehen von Ihren Hausplänen bedeutet sie doch eine Gefahr für die weitere Demoralisierung Weimars weniger" auf die Architektur oder das Wirken des Theaters bezog.

Tatsächlich ließ Wildenbruch die Villa dann nach den Plänen Schultze-Naumburgs errichteten. Ganz Heimatschützer, erhielt der Architekt das natürliche Profil des Gartens und die diesen umgebende Travertinmauer. 1907 fertiggestellt, konnte sich Wildenbruch nur relativ kurz seines Hauses erfreuen, da er bereits 1909 starb. Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 1920 erfüllte sich der Traum von einem Dichtermuseum nicht. Von 1928 bis etwa 1990 diente das Haus als Krankenhaus, später als Kinderheim, zeitweise auch anderen Zwecken. Spätestens 1943 war der Landkreis Weimar Eigentümer, der es 1997 an einen Bauträger veräußerte. Dieser hatte bereits vorher mit den zuständigen Denkmalbehörden die Bebaubarkeit des Parkes mit einer Wohnanlage und seiner Unterkellerung mit einer Tiefgarage abgestimmt. Dem Vernehmen nach geschah dies zum Besten der Restaurierung des Gebäudes. Dennoch bleibt ein schales Gefühl, wenn man bedenkt, daß das Thüringer Denkmalschutzgesetz ermöglicht, eine Erlaubnis für derartige Vorhaben zu versagen, "soweit gewichtige Gründe des Denkmalschutzes für die unveränderte Beibehaltung des bisherigen Zustandes sprechen."

Es ist davon auszugehen, daß es also gewichtige Gründe des Denkmalschutzes nicht gab, zumindest aber, daß diese in der Abwägung den berechtigten Interessen des Eigentümers unterlagen. Bedenklich ist der Fall, da der Landkreis in seinem Zuständigkeitsbereich, also dem die Stadt umgebenden Landkreis "Weimarer Land" selbst Denkmalschutzbehörde ist und in der Stadt als Denkmaleigentümer einer erheblichen Veränderung eines Baudenkmales das Wort redete, um sich dessen Last zu entledigen.

Noch interessanter wird der Vorgang dadurch, daß nahezu zeitgleich in etwa 300 m Entfernung ein anderes Baudenkmal, das Versuchshaus des Bauhauses am Horn, mit hohem finanziellen Aufwand auf sein bauzeitliches Erscheinungsbild zurückgeführt wurde. Denkmalpflegerisch nicht unzweifelhaft, da mit den nun abgerissenen Zubauten ein Teil der Geschichte des Denkmales getilgt ist.

Die unterschiedliche Gewichtung des Wertes beider Bauten ist augenfällig. Dabei sind beide für das Verständnis der Geschichte - und hierzu beizutragen ist aus Sicht des Verfassers grundlegende Aufgabe der Denkmalpflege - von gleicher Wichtigkeit.

Vom Anfang amtlicher Denkmalpflege des Landes von 1923-1932

Beachtlich ist zunächst der mittelbare Einfluß Schultze-Naumburgs auf die Entwicklung amtlicher Denkmalpflege in Thüringen. Anfangs hatte der reichsweite "Bund Heimatschutz", dessen erster Vorsitzender Schultze-Naumburg war, seine Geschäftsstelle im thüringischen Meiningen. Geschäftsführer war der sachsen-meiningische Jurist Fritz Koch. Dieser wurde im Januar 1923 als Regierungsrat im Ministerium für Volksbildung angestellt und leitete hier die "Thüringische Beratungsstelle für Heimatschutz und Denkmalpflege". Deren Aufgabe war, auf Anfrage jeweils fachliche Beratung durch ein Mitglied eines gleichzeitig gebildeten Beirates herbeizuführen. Wissenschaftliche Arbeit der Arbeitsstelle selbst war nicht vorgesehen.

Infolge der Regierungsbeteiligung der Nationalsozialisten wurde nun Paul Schultze-Naumburg zum Leiter des Beirates ernannt, der fast zeitgleich auch die Leitung der Weimarer Bauhochschule übernahm. Mit der Ablösung der Landesregierung hob man am 10.6.1931 die Landesstelle auf. Regierungsrat Koch fungierte nur mehr als nebenamtlicher Fachberater für dieses Gebiet. Hatten die Nationalsozialisten in Thüringen bereits 1932 die Macht übernommen, wurde doch erst 1933 das "Landesamt für Denkmalpflege und Heimatschutz" als selbständige Behörde eingerichtet.

Zurück in die zwanziger Jahre: Um das Anliegen des Heimatschutzes populär zu machen, organisierte Koch die Fotowanderausstellung "Das schöne Thüringen" namhafter zeitgenössischer Fotografen, die von 1924-1929 gezeigt wurde.

Von 1925-1930 gab die Beratungsstelle die Zeitschrift "Thüringen. Eine Monatsschrift für alte und neue Kultur" heraus, in der heimatkundliche Forschungsergebnisse vorgestellt wurden.

Die Arbeit Fritz Kochs charakterisierte der damalige Leiter der Denkmalpflegebehörde der Thüringer Landeskirche: "... die seit Jahrzehnten über ganz Deutschland verbreiteten Vereine für Denkmalpflege und Heimatschutz, die überall erhaltend und geschmacksläuternd gewirkt haben, hatten bislang in Thüringen noch keinen rechten Boden gefunden. ... Diese Rückständigkeit blieb auch nach der Neubildung des Großstaates Thüringen bestehen. Eine Beratungsstelle für Denkmalpflege und Heimatschutz ist zwar im Thüringischen Ministerium eingerichtet worden, praktische Erfolge wesentlicher Art sind dieser aber bisher versagt geblieben, weil an ihrer Spitze kein Fachmann steht und ihr die nötige gesetzliche Grundlage in Gestalt eines Heimatschutzgesetzes, wie es alle andern Staaten besitzen, fehlt..""

Als Beleg für diese Feststellung können zwei Fälle der Bemühungen Kochs stehen:

Der Eigentümer des Renaissancehauses Geleitstraße 1 in Weimar erneuerte 1922 seinen Fassadenanstrich nach einer Planung von Walter Gropius. Die Wandflächen waren ultramarin, die steinernen Fenstergewände und das Hauptgesims mit weißer Ölfarbe, die Fenster des Haupthauses zinnoberrot, die des anschließenden Werkstattgebäudes zitronengelb gestrichen.

Dieser Anstrich rief einen Sturm der Empörung in der Stadt Weimar hervor. Stadtbaurat Lehrmann verbot den Anstrich und berief sich dabei auf das Ortsstatut über den Schutz gegen Verunstaltung des Stadtbildes. Der Eigentümer und Walter Gropius verwiesen dagegen auf die Arbeit Bruno Tauts in Magdeburg.

Eine von Koch zusammengerufene Sachverständigenkommission, der Architekt Röhr, Weimar, Kunstmaler Linze, Weimar, Stadtbaurat Hoßfeld, Naumburg und Baurat Mühlfeld, Jena, angehörten, verständigte sich auf allgemeine Empfehlungen, nicht jedoch auf ein Verbot des Anstriches. Im Ergebnis zeigte sich die Verwaltung in Weimar toleranter gegenüber der Farbenwahl. Koch verstärkte seine Bemühungen zur Durchsetzung eigener Auffassungen, die ein Zitat illustriert: ".. Ich freue mich ferner über die geschmackvollen Hausanstriche. Der nichtssagende, widerliche graue Ton verschwindet allmählich und ein farbenfroher wird wieder Brauch. So ein reizendes Bauerndörfchen müßte aussehen wie Nachbar Emils Sommerweizenfeld: rot wie Klatschmohn, gelb wie der Hederich, grün wie die Quecke, blau wie die Kornblumen. Dazu noch passende Fensterladen mit Blumen wie auf Großmutters Truhe und blühende Pelargonien, hängende Fuchsienglocken und leuchtende Petunien an den Fenstern und ein Rosenstock oder Fliederbaum vor dem Hause - dann wären die dörflichen Gebäude wieder schön."

Die Farbenfirma Arzberger, Schöpff & Co. aus Eisenach nahm 1924 Kontakt mit Koch auf, um ihn über das Farbensortiment der Firma zu unterrichten. Man vereinbarte die Herausgabe einer Broschüre unter dem Titel "Farbiger Hausanstrich", zu der Baurat Mühlfeld einen Text verfaßte. Die Broschüre zeigt außer empfohlenen Farbkombinationen für die Fassade eines neobarocken Gebäudes vor allem, wie der Firma mittels der Beratungsstelle eine vorzügliche Eigenwerbung gelang. Die Druckschrift wurde über die Beratungsstelle an alle Berufsschulen, Schulen mit Zeichenunterricht, Malerinnungen bzw. Malermeister, Farbenhandlungen, Bauämter, Kreisdirektoren, Stadtdirektoren und Gemeindevorsteher in größeren Orten verschickt. Nach dem Druck war das Heft sofort vergriffen. Zum gleichen Thema stellte Koch eine Wanderausstellung zusammen, an der zu beteiligen sich die Stadt Weimar in einem Schreiben des Stadtbaurates Lehrmann versagte, da "... Fragen des farbigen Hausanstrich noch so sehr umstritten sind, daß eine grundsätzliche Klärung über technische und künstlerische Behandlung notwendig ist...."

In seinem eigenen Fachgebiet konnte sich Koch als Jurist nicht verwirklichen. Zwar war er am Entwurf eines Heimatschutzgesetzes seit 1923 beteiligt, dieses kam über das Entwurfsstadium nicht hinaus.

 

Das Landesamt für Denkmalpflege und Heimatschutz von 1933-1945 – Teil nationalsozialistischer Kulturpolitik

Im Zwielicht steht die Wiederbelebung amtlicher Denkmalpflege in Thüringen am 1.7.1933. Der mit der Dienstbezeichnung "Der Thüringische Landeskonservator" berufene Kunsthistoriker Dr. Mundt führte dazu zeitgemäß aus, daß "die nationalsozialistische Regierung ihrem Willen, unersetzliche Werte ursprünglicher Natur und landschaftlicher Schönheit sowie Denkmale heimatverbundener Kunst und Kultur zu pflegen und als kostbares Erbgut für kommende Geschlechter zu erhalten, sichtbaren Ausdruck gegeben" hat.

Ein Beispiel für die Arbeit des Landesamtes, die bislang kaum untersucht ist, findet sich in Römhild im Landkreis Hildburghausen. Das Haus in der Heurichstraße 8, das sog. "Prinzenhaus", wurde zwischen 1704 und 1712 errichtet. Als erste Bewohnerin ist 1712 die Witwe des Herzogs Heinrich von Sachsen-Römhild nachzuweisen, womit das Haus erstmals erwähnt ist. Knapp 200 Jahre später erwarb 1884 die Familie Kahn das Anwesen.

Der Familienvater Aron Kahn verstarb 1907, sein Sohn Hermann verzog 1910. Fortan war 1860 geborene Kaufmann Max Kahn Eigentümer.

Denkmalpflegerischen Interesses durfte sich das Anwesen spätestens 1904 erfreuen, als es wegen seiner Ausmalung Eingang in die "Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens" fand und dort auf anderthalb Seiten beschrieben wurde. Herr Kahn wurde darin noch als "Herr Kahn" bezeichnet.

Am 9. Mai 1942 mußten sich alle Römhilder Juden in Erfurt einfinden, für die meisten hat das wohl den Tod in den Gaskammern des Deutschen Reiches bedeutet. Bis zuletzt hatten die 8 verbliebenen jüdischen Einwohner im Haus der Familie Kahn gelebt.

Kurze Zeit später erwachte das Interesse der damaligen Denkmal- und Heimatschützer an dem Gebäude. Der am anderen Ende der vier "Kavaliershäuser" wohnende Herr J. Grötzner, der seinen Absender mit der Beistempelung "Heimatschutzstelle Roemhild i.Gr." versah, teilte dem Bürgermeister am 22.5.1942 sein Wissen mit. Dessen Umfang beschränkte sich darauf, daß das Gebäude eines der 4 Kavaliershäuser Herzog Heinrichs sei und somit nach 1680 errichtet worden wäre. Außerdem wußte er etwas vom "verheerenden" Einfluß des Wetters auf die Kopfbauten, also auf seines und das Kahnsche Haus sowie über die Haltbarkeit des nach 1920 bei beiden Häusern aufgebrachten Terranovaputzes. Das Schreiben trägt einen handschriftlichen Vermerk: "z. A. Verwertung des Judenvermögens" und befindet sich in der Akte "Haus Nr. 188 (Jude Kahn) Gutachten desselben betr. Heimatmuseum" der Stadt.

Am 2.11.1942 besichtigte Dr. Wennig vom Landesamt für Denkmalpflege und Heimatschutz das Haus. Regierungsbaumeister Vogeler von der Bauverwaltung des Landrates in Hildburghausen teilte anschließend am 11.11.1942 mit, daß keine gesetzliche Handhabe zur Unterschutzstellung bestünde - ein Hinweis auf das damals immer noch fehlende Denkmalschutzgesetz.

Am 25.11.1942 übersandte Vogeler auf dem ordentlichen Dienstweg das Gutachten des Dr. Wennig vom 19.11.1942. In dem Schreiben bot dieser an, die Stadt zu unterstützen, Eigentümerin des Hauses zu werden, wenn sie es für ein Museum nutzen wolle: "Ich bitte deshalb darum, alles zu tun, um das Gebäude in den Besitz der Stadt zu bringen. Nach Möglichkeit werde ich mich nötigenfalls auf Wunsch dafür einsetzen."

Der Bürgermeister bat am 5.4.1943 die Bauverwaltung des Landrates, Vorschläge für die Instandsetzung zu machen. Das Reichsfinanzministerium hatte das "Haus des Juden Kahn" kurz zuvor der Stadt unentgeltlich überlassen. Die Anzeige über die kostenlose Übereignung des Grundstückes durch die Witwe Nanny Kahn an die Stadt datiert vom 6.3.1943, die Berichtigung war am 24.5.1943 beantragt worden.

Dieser Fall, in dem sich das damalige Landesamt für Heimatschutz und Denkmalpflege zum willigen Helfer der Inbesitznahme jüdischen Vermögens gemacht hat, ist Hinweis darauf, daß Denkmalpflege zu dieser Zeit willfähriges Werkzeug menschenverachtender Interessen auch dann war, wenn sie meinte, Anwältin ihrer eigentlichen Aufgabe zu sein.

Vom Umgang mit dem Landesmuseum in Weimar nach 1945

Das Landesmuseum, heute ein Glanzstück Thüringischer Denkmalpflege seit 1990, war deren Stiefkind spätestens seit 1934. Zwar hatte der Reichsstatthalter Sauckel das Haus für würdig befunden, hier seinen ersten Weimarer Dienstsitz aufzuschlagen, jedoch interessierten sich für das Schicksal dieses Hauses weder Heimat- noch Denkmalschützer. Auch an diesem Weimarer Haus kreuzen sich – zeitlich versetzt – die Lebenswege von Schultze-Naumburg und van de Velde. War letzterer mit seiner Umbauplanung von 1907 gescheitert, so sollte Schultze-Naumburgs Vorhaben, das Haus zu einem Ehrentor für das geplante Gauforum umzugestalten, ebenso kein "Glück" –beschieden sein. Zum Glück – muß man wohl heute sagen, wenn auch die Gieslerbauten des Gauforums schlimm genug sind.

Giesler, der das Landesmuseum nur als "Prellbock" in der Achse vom Bahnhof zur Stadt (miß)verstand, ließ es immerhin stehen, die vorgesehenen Umbauten an Dach und Fassade wurden kriegsbedingt nicht ausgeführt. Die Zerstörung des Hauses nahm ihren Anfang mit dem Ausbau der Heizung und des Linoleums 1948 – nachdem eine Fliegerbombe 1945 nur geringe Schäden angerichtet hatte. Nach einem Lokaltermin am 8.11.1950 erklärte der damalige Landeskonservator Böcking: "Eine genaue Besichtigung des Landesmuseums ergab, daß dieses als abbruchreif zu erklären ist. Es ist zu vermuten, daß die Wiederherstellungskosten in keinem Verhältnis zu einer modernen musealen Anlage stehen.... Der Blick auf den Karl-Marx-Platz lehrt, daß dieser eine wesentliche Auflockerung erfahren wird, wenn einerseits das Museum fällt, andererseits die gegenüberliegenden Gebäudeteile des Südtraktes in Wegfall kommen." Dagegen sprach sich der Direktor der Kunstsammlungen, Scheidig, aus. In einem Schreiben vom 13.11.1950 wies er auf die Zugehörigkeit des Museums zur Stadtanlage hin, wobei er zuvor mehrfach dafür plädiert hatte, das Museum auf ein Geschoß zu reduzieren. 1951 wurde das Museum vollständig geräumt. Am 19.1.1952 teilte der Rat der Stadt den Kunstsammlungen mit, daß das Gebäude aufgrund neuer Erkenntnisse erhalten bleiben soll. Der Landeskonservator ließ nun wissen, daß "die Angelegenheit Landesmuseum eine außerordentlich wichtige Denkmalpflege-Angelegenheit" sei. Eine der letzten Amtshandlungen des Landeskonservators dürfte die im Juni 1952 erfolgte Denkmalerklärung gewesen sein. Mit der Verwaltungsreform wurden auch die Landesämter für Denkmalpflege in der DDR aufgelöst. Der neu gebildete Bezirk Erfurt nahm sich noch im Jahr 1952 des Denkmales an und ließ das Dach reparieren. Als eine seiner ersten Tätigkeiten erklärte die 1963 in Erfurt gegründete Arbeitsstelle des Instituts für Denkmalpflege die Erhaltung des Museums schon deshalb für nahezu zwingend, da die Goethestatue nicht entfernt werden könne. Zuständiger Sachbearbeiter war der spätere Landeskonservator Zießler.

Um die Erhaltung gab es auch in der Folgezeit bürokratische Bemühungen, jedoch bedurfte es erst des Fanals in Form herabfallender Gesimsteile im November 1988, damit sich auch die zuständigen Behörden zur Sicherung der Ruine als Voraussetzung für ihren Wiederaufbau entschließen konnten. Zu den Initiatoren und zu denen, die hier als erste praktisch Hand anlegten, gehörten auch der Leiter des damaligen "Aktivs Denkmalpflege", Dr. Hermann Wirth und der heutige Stadtdenkmalpfleger, Wolf-Dieter Cott. Diesen Einsatz von 1989, der wegen des meterhohen Taubenkots in der Ruine mit gesundheitlichen Risiken behaftet war, rühmte anläßlich des "Fensterfestes" im Mai 1995 nach Einbau der neuen Fenster im Museum Prof. Bothe als Hausherr. Er kündigte an, die Namen der daran Beteiligten in einer Ehrentafel zu verewigen.

Der Erfurter Hauptbahnhof und die "Berufsrevolutionäre"

Eine letzte Episode thüringischer Denkmalpflege führt fast bis in die Gegenwart. 1990 sah ein erster Entwurf in § 24 des Thüringischen Denkmalschutzgesetzes vor, daß - wie im Naturschutzrecht - eine Verbandsklage gegen Entscheidungen der amtlichen Denkmalpflege eingeführt werden sollte. "Die – als Landesbehörde – weisungsgebundene Denkmalfachbehörde stellt nicht immer ein ausreichendes Korrektiv dar, das berechtigte Interessen des Denkmalschutzes in allen Fällen wahren kann", hieß es in der Begründung. Das Anfang 1992 erlassene Gesetz sieht die Verbandsklage allerdings nicht vor.

Wie vorausschauend richtig die Begründung für die Aufnahme der Verbandsklagemöglichkeit in das Gesetz war, und wie wichtig diese wäre, zeigt der Vorgang um das Inselgebäude des Erfurter Hauptbahnhofes. Dieses wurde 1890-1893 nach Entwurf von Keil und Erlandsen errichtet. Das Bauprogramm beschrieb Keil 1896: "Für den Verkehr an den Personenzügen schienenfreier Zugang zu den Zügen. Dabei sollten aber verlorene Steigungen auf Tunneltreppen von einem Zuge zum andern oder von den Zügen zu den Wartesälen vermieden werden. Damit war das Inselempfangsgebäude, dessen Wartesäle usw. in Bahnsteighöhe liegen, gegeben." Die Empfangssäle befanden sich also auf der Ebene der Gleise, die auf die ehemalige Wallanlage verlegt wurden, und waren über Tunnel und Treppen zu erreichen. Ein Vorempfangsgebäude ergänzte als repräsentativer Zugang zum Haupttunnel die Anlage auf der Platz- und Straßenebene. Sogar Meyers Lexikon von 1894 nennt die Anlage als Beispiel eines Inselgebäudes neben denen von Köln, Hildesheim und Düsseldorf - die heute alle nicht mehr in dieser Form bestehen.

Wenn durch Veränderungen inzwischen auch in Erfurt teilweise nicht mehr kenntlich, hat sich die Anlage hier nahezu vollständig erhalten. Ein Architektenwettbewerb 1995 legte bereits in der Auslobung, die mit den zuständigen Denkmalbehörden abgestimmt war, fest, daß das Inselgebäude abzubrechen wäre. Die Denkmalbehörden waren durch Gutachten überzeugt worden, daß aus verkehrstechnischen Gründen der Abbruch zwingend wäre. Ein Gegengutachten wurde erst nach Abschluß des Wettbewerbes erstellt, sein Ergebnis ist bis heute nicht öffentlich. Schleierhaft ist, wozu dann noch ein Vertreter des Landesamtes in der Jury mitwirkte, verliert der Bahnhof durch ein solches Vorgehen doch ohnehin seine Denkmaleigenschaft. Nach den bei dem Rückfragekolloquium gegeben Informationen ist das Abbruchbegehren aber vor allem dadurch motiviert, daß ebenerdig Verkaufsflächen entstehen sollen, die einen Erhalt des Gebäudes nahezu unmöglich machen. - Der alternative Entwurf einer Konstanzer Architektin zum Wettbewerb, der das Inselgebäude erhalten wollte, wurde folgerichtig ausgeschieden.

Auch innerhalb des Landesamtes für Denkmalpflege hatten sich bereits im Vorfeld des Wettbewerbes Befürworter der Erhaltung des Inselgebäudes zu Wort gemeldet. Mitte Januar 1996 gab es eine Podiumsdiskussion, zu der die Deutsche Bahn AG sogar einen der Säle des Inselgebäudes zur Verfügung stellte. Einer der anwesenden Verfechter der Erhaltung des Gebäudes war Prof. Hermann Wirth. Dieser äußerte gegenüber der Zeitung "Thüringer Allgemeine" vom 20.1.1996: "Vorauseilender Gehorsam ist in einer solchen Situation nicht gefragt" und meinte damit das Landesamt für Denkmalpflege. Dessen Chef äußerte gegenüber der gleichen Zeitung: "Ich habe die Pflicht, abzuwägen. Als Bediensteter des Landes kann ich da nur sagen: Ich tausche den ICE nicht gegen ein Gebäude ein" und über die Teilnehmer an der Podiumsdiskussion, soweit sie gegen den Abbruch waren: "Das sind zusammengekarrte Berufsrevolutionäre. Die sind der DDR-Mentalität verfallen, daß alles allen gehört." Allgemein bekannt war zu diesem Zeitpunkt, daß auch Prof. Wirth zu den dort Anwesenden gehört hatte.

Dem früheren Landeskonservator Hessens, Dr. Kiesow, wird der Satz zugeschrieben: "Der Konservator trägt die Dienstaufsichtsbeschwerde wie den Pour le mérite." In diesem Sinne wünsche ich Prof. Wirth zu seinem 60. Geburtstag alles Gute.